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Wenn Brot zum Luxus wird – 100 Jahre Inflation in Basel und der Schweiz

Ob im Ersten Weltkrieg oder in jüngster Zeit: Phasen hoher Teuerung verändern das Leben spürbar. Die Geschichte der Inflation in Basel erzählt von Preissprüngen, Stabilität und davon, wie eng lokale Entwicklungen mit internationalen Krisen verknüpft sind.

Kuno Bucher

Inflation bezeichnet den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus von Waren und Dienstleistungen über einen bestimmten Zeitraum. Im Alltag wird dafür meist das Wort Teuerung verwendet: Wenn alles teurer wird, reicht derselbe Geldbetrag für weniger, die Kaufkraft sinkt – und das macht sich unmittelbar bemerkbar.

Solange die Teuerung niedrig bleibt, sorgt sie kaum für Schlagzeilen. Doch ausgeprägte Inflationsphasen dominieren rasch die mediale Debatte. Zuletzt war das zwischen Frühling 2022 und Frühling 2023 der Fall, als die Preise in der Schweiz und auch in Basel ungewohnt stark anzogen. Bei Jahresraten des harmonisierten Landesindex der Konsumentenpreise von bis zu 3,3 Prozent (Juli und August 2022) war vielerorts von einer «Rückkehr der Teuerung» die Rede. Manche Kommentare sprachen gar von «Preisexplosion» oder vom «Kampf gegen die Teuerung» – Vokabular, das in der aufgeheizten Atmosphäre nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zusätzlichen Nachhall fand.

Jahresteuerung in der Schweiz, in der Eurozone 20 und in den USA

Eurozone 20: 10,6%

USA: 9,1%

Schweiz: 3,3%

Im internationalen Vergleich kam die Schweiz mit diesem Inflationsschub glimpflich davon. Getrieben von den wirtschaftlichen Verwerfungen nach der COVID-19-Krise – Produktions- und Lieferengpässe bei gleichzeitig hoher Nachfrage – sowie den stark gestiegenen Energiepreisen im Zuge des Ukrainekriegs, schnellten die Preise weltweit nach oben. In der Eurozone 20 erreichte die Teuerung im Oktober 2022 einen Spitzenwert von 10,6 Prozent. In den USA lag sie gemäss Bureau of Labor Statistics im Juni desselben Jahres bei 9,1 Prozent.

Blick in die Vergangenheit

Jahresteuerungsraten von um die 10 Prozent waren nicht nur in der Eurozone und den USA Realität, sondern auch in Basel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese Schwelle gleich dreimal überschritten. 1917 lag die durchschnittliche Jahresteuerung in Basel und in der Schweiz bei über 24 Prozent, 1918 sogar bei mehr als 25 Prozent.

Besonders spürbar war die Teuerung bei den Nahrungsmitteln. Der Bereichsindex für Lebensmittel der «Kleinen Basler Indexziffer» stand 1913, ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, bei 98 Punkten. Nach Kriegsende 1919 hatte er sich mehr als verdoppelt und lag bei 211 Punkten. Wie heftig die Preisschwankungen in dieser Epoche waren, zeigt sich am Brotpreis: Für ein Kilogramm Ruchbrot zahlten die Baslerinnen und Basler 1912 noch 34 Rappen. Zehn Jahre später kostete dasselbe Brot 56 Rappen – und 1932, also erneut ein Jahrzehnt später, wieder nur 32 Rappen.

Auch in den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu markanten Teuerungsschüben. Doch insgesamt beruhigte sich die Preisentwicklung im Verlauf des 20. Jahrhunderts allmählich. Extreme Ausschläge wie am Ende des Ersten Weltkriegs erreichte der Basler Index nicht mehr.

Durchschnittliche Jahresteuerung Basel-Stadt seit 1915

2. Weltkrieg

Ölpreiskrise

Rezession

Finanzkrise

COVID/Ukraine

1941: 14,7%

1942: 11%

1973: 8,5%

1974: 10,7%

1990: 5,6%

1991: 6,1%

2008: 2,6%

2022: 2,6%

Ein Jahrhundert Teuerung

Die Zeitreihe zeigt die Entwicklung der Preise in Basel von 1915 bis heute – mit all ihren Ausschlägen, von Kriegen und Krisen bis zu jüngsten globalen Preisschüben.

2. Weltkrieg

In den beiden Kriegsjahren 1941 und 1942 betrug die durchschnittliche Jahresteuerung in Basel und der Schweiz jeweils zwischen 11 und gut 15 Prozent.

Ölpreiskrise

Aufgrund der Ölpreiskrise schossen die Energiepreise nach oben. Die Jahresteuerung kletterte in Basel 1973 auf deutlich über 8 Prozent und ein Jahr später gar auf knapp 11 Prozent.

Rezession

In der Schweiz kam es zu Beginn der 1990er-Jahre zu einer Wirtschaftskrise. Diese machte sich in Basel insbesondere 1990 und 1991 mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von 5,6 bzw. 6,1 Prozent bemerkbar.

Finanzkrise

Die Weltfinanzkrise führte in Basel nach 14 Jahren weitestgehender Preisstabilität zu einem Inflationssprung auf 2,6 Prozent; in der Schweiz wurden etwas tiefere 2,4 Prozent registriert.

COVID-19/Ukraine

Die Jahre 2022/2023 brachten eine Kombination aus globalen Lieferengpässen nach der COVID-19-Flaute und stark steigenden Energiepreisen infolge des Ukraine-Kriegs. In der Schweiz erreichte die Jahresteuerung 2,8 Prozent, in Basel 2,6 Prozent – ein moderater Anstieg im Vergleich zu früheren Teuerungsphasen, der jedoch spürbar den Alltag beeinflusste.

Die Beispiele zeigen, wie wichtig die Messung der Inflation ist, um wirtschaftspolitische Entscheidungen treffen zu können. In der Schweiz wurde 1922 der Landesindex der Konsumentenpreise offiziell eingeführt. Regionale Zeitreihen reichen jedoch weiter zurück: Basel-Stadt veröffentlichte bereits ab 1911 die «Kleine Basler Indexziffer». Der Zürcher Städteindex folgte 1914, etwas später kamen Bern und St. Gallen hinzu. Anlass für diese Erhebungen war vor allem das Bedürfnis, die Folgen des Ersten Weltkriegs auf die Lebenshaltungskosten zu dokumentieren.

Heute spielen die regionalen Reihen eine kleinere Rolle. Bern führt lediglich ältere Indexreihen fort, St. Gallen erhebt schon lange keine eigenen Daten mehr. Neben dem Landesindex existieren deshalb nur noch die lokalen Indizes von Basel-Stadt, Zürich und seit 1966 Genf.

Im nächsten Teil dieser Reihe rücken wir den Basler Index der Konsumentenpreise in den Fokus: Was genau misst er? Welche Preise fliessen ein? Und weshalb braucht es überhaupt einen lokalen Index?

Weiterführende Informationen

Basler Index

Landesindex

Internationale Indices